Auf dem Jakobsweg: Unterwegs mit einer künstlichen Herzklappe

von | Jul 15, 2019

Der fol­gen­de Bericht wur­de auf der Homepage der Krankenkasse IKK ver­öf­fent­licht: https://www.ikk-classic.de/gesund-machen/leben/herzklappen-op-danach-jakobsweg

Ute Lethert hat in ihrem Leben eini­ge sport­li­che Herausforderungen gemeis­tert: klet­tern in den Dolomiten, die Überquerung der Alpen und Gleitschirmfliegen. Ihre größ­te sport­li­che Leistung meis­ter­te die Rheinländerin jedoch nach ihrer Herzlappen-OP. Sie pil­ger­te rund 2.876 Kilometer und 109.000 Höhenmeter auf dem Jakobsweg.

Lange vor der Operation an ihrem Herzen wuss­te sie, dass die­ser Eingriff kom­men wür­de. Von Geburt an hat­te Ute Lethert einen Herzklappenfehler, jedes Jahr muss­te sie zur Kontrolluntersuchung. Die Ärzte waren sich einig: Wenn ihr Herz anfän­ge Schaden zu neh­men, müss­te eine neue Klappe ein­ge­setzt wer­den. Bis dahin, so nahm es sich die lebens­fro­he Frau vor, wür­de sie jeden Sport machen, der ihr Spaß berei­te. „Ich bin Motorrad gefah­ren, sehr viel gewan­dert, Gleitschirm geflo­gen und Klettern gegan­gen.”

Begeisterte Sportlerin mit Herzklappenfehler

Ute Lethert ist sicht­lich stolz auf ihre sport­li­che Laufbahn. Und auch ande­re Menschen pro­fi­tier­ten von ihrer Leidenschaft fürs Wandern, denn Lethert war als Wanderführerin im deut­schen Alpenverein tätig.

Trotz ihrer gan­zen posi­ti­ven Energie war es 2009 jedoch so weit. Mit gera­de ein­mal 43 Jahren benö­tig­te die Rheinländerin eine neue Herzklappe. Laut Ärzten ist ein „nor­ma­les” Leben nach der Herz-OP durch­aus mög­lich. Nun defi­niert jeder Mensch „nor­mal” völ­lig anders. Für Lethert, die schon immer ger­ne Sport trieb, war das Wandern und die Überquerung der Alpen „nor­mal” – es mach­te ihr Leben lebens­wert.

Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fragte mich, ob ich je wieder so fit wie früher sein würde.

Ute Lethert

Zwischen Frustration und Hoffnung

Nach der Herzklappen-Operation benö­tig­te die sport­be­geis­ter­te Frau über eine Stunde für den 957 Meter lan­gen Rundweg um ihr Haus. „Für mich brach eine Welt zusam­men,” gesteht Lethert. „Ich frag­te mich, ob ich je wie­der so fit sein wür­de wie frü­her.” Ihr Ehemann glaub­te fest dar­an und hat­te eine spon­ta­ne Idee. Bereits eini­ge Jahre zuvor hat­te das Paar wäh­rend einer Kreuzfahrt Santiago de Compostela besucht. „Wir woll­ten doch noch ein­mal nach Santiago de Compostela. Was hältst du davon, wenn wir von hier aus zu Fuß gehen?”, schlug er vor.

Was Ute Lethert zunächst für eine ver­rück­te Idee ihres Mannes hielt, wur­de schon bald zur Realität. „Er hat den gesam­ten Weg geplant und war von Anfang an Feuer und Flamme.” Mit den Worten „Wir schaf­fen das, wir kom­men an” bestärk­te er sei­ne Frau in ihrem Vorhaben.

Körperliche Vorbereitung auf die Pilgerreise

Nachdem der Plan fest­stand, fing Lethert an, ihren Körper inten­siv auf die Reise vor­zu­be­rei­ten. Sie begann mit Spaziergängen, spä­ter kamen Wanderungen hin­zu und
schließ­lich ging die damals 43-Jährige ins Fitnessstudio, um ihre Kondition zu stei­gern und gezielt Muskeln auf­zu­bau­en. Eine der größ­ten kör­per­li­chen Herausforderungen stell­te näm­lich das Tragen ihres eige­nen Rucksacks dar. „Da bei der Operation mein Brustkorb geöff­net wur­de, muss­te ich den gesam­ten Muskelapparat in die­sem Bereich wie­der stär­ken,” erläu­tert sie.

An den Geräten trai­nier­te Lethert ihren Brustkorb, den obe­ren Schulterbereich, die Region um das Schlüsselbein, sowie die Arme und den Rücken. Schließlich galt es,
einen zehn Kilogramm schwe­ren Rucksack auf dem Jakobsweg zu tra­gen.

Außerdem unter­nahm Lethert län­ge­re Wanderungen zur Probe, manch­mal schon mit gepack­tem Rucksack. Die Tagesetappen beim Pilgern wür­den etwa 15 bis 25 Kilometer lang sein und bei jedem Wetter statt­fin­den – bei Kälte, Regen und bei Hitze. Ein gutes hal­bes Jahr berei­te­te Lethert sich des­halb inten­siv auf die­sen anspruchs­vol­len Weg vor. Bedenken hat­te sie immer wie­der, aber kei­ne, die sie von ihrem Plan abbrach­ten.

Die Reiseapotheke für Herzklappen-Patienten

Letherts Gesundheit hat­te obers­te Priorität, sie über­ließ nichts dem Zufall. Denn seit ihrem Eingriff mei­det Lethert zum Beispiel Risikosportarten. Zu groß ist die Verletzungsgefahr und damit das Risiko zu ver­blu­ten.

Wegen ihrer künst­li­chen Herzklappe muss sie den Gerinnungshemmer Marcumar ein­neh­men, der dazu führt, dass es gan­ze zwei­ein­halb bis drei Minuten dau­ert bis ihr Blut gerinnt. Mit einem spe­zi­el­len Messgerät und pas­sen­den Teststreifen kann Lethert regel­mä­ßig einen Blutgerinnungstest durch­füh­ren.

Das Ganze funk­tio­niert ähn­lich wie der Diabetes-Test bei einem Zuckerkranken: ein klei­ner Pieks in die Fingerkuppe, ein Tropfen Blut, Blutgerinnungswerte able­sen und Tabletten für die kom­men­de Woche berech­nen. Lethert bezeich­net das als „medi­zi­ni­sches Selbstmanagement”. Als Pilger auf dem Jakobsweg unab­ding­bar. Sie geht sehr gewis­sen­haft vor, zwei­mal wöchent­lich macht sie den Test. Montags zur Medikamenten-Vergabe und don­ners­tags, um zu che­cken, ob ihre Werte immer noch im grü­nen Bereich lie­gen. Schließlich weiß sie, dass der Jakobsweg anstren­gend und abwechs­lungs­reich ist und Hitze, Kälte oder Ernährung Einfluss auf den Blutgerinnungswert haben.

Neben dem Medikament Marcumar, gehö­ren der Marcumar-Ausweis und ein Notfall-Set Heparin-Spritzen zu Letherts Reiseapotheke. Wenn der Wert stark abfällt, kom­men die Heparin-Spritzen zum Einsatz.

Auf dem Jakobsweg traf die Rheinländerin hin und wie­der ande­re Herzkranke. „Die kann­ten sich teil­wei­se mit ihrer Herzerkrankung noch nicht ein­mal so recht aus” – für die heu­te 52-Jährige schwer nach­voll­zieh­bar. „Für mich stand mei­ne Sicherheit immer an ers­ter Stelle.”

Willi und Ute Lethert auf dem Jakobsweg

Der Weg ist das Ziel

Am 10. März 2011 brach das Ehepaar Lethert vom Kölner Dom auf, um nach Santiago de Compostela zu pil­gern. An ins­ge­samt 131 Tagen leg­ten sie 2.876 Kilometer und 109.000 Höhenmeter auf dem Jakobsweg zurück. „Eine lan­ge Zeit, um über sich, das Leben und sei­ne Ziele und Wünsche nach­zu­den­ken. Man erlebt Höhen und Tiefen auf dem Weg. Der Weg bringt einen an sei­ne kör­per­li­chen, aber auch psy­chi­schen Grenzen,” fasst Ute Lethert ihre Erfahrung zusam­men.

Ihre schöns­te Erinnerung? „Nach 2.000 Kilometern Wegstrecke über die Pyrenäen das ers­te Mal das Meer sehen und das anschlie­ßen­de Pilgern ent­lang der Küste“, erzählt sie strah­lend. „Ich bin ein Meer-Mensch, ich lie­be das Wasser, das war für mich der schöns­te Anblick.“

Auf der Reise begeg­ne­ten sie ande­ren Pilgern, die sich aus den unter­schied­lichs­ten Motivationsgründen auf den Weg gemacht hat­ten, sei­en es per­sön­li­che Verluste, schwe­re Krankheiten oder der Ausstieg aus dem nor­ma­len Leben. Das Ehepaar Lethert been­de­te sei­ne Reise an der Kathedrale in Santiago de Compostela. Stolz und Dankbarkeit erfüll­ten Ute Letherts pochen­des, neu­ge­bo­re­nes Herz am Ende die­ses Weges, am 14. August 2017, um 12:10 Uhr.

Die Reise hat mich darin bestätigt, dass auch mit einer künstlichen
Herzklappe ein normales Leben möglich ist.

Ute Lethert

Ein „Ja” zum Leben

Die moder­ne Medizin hat Lethert nicht nur die Möglichkeit gege­ben, mit einer neu­en Herzklappe wei­ter­zu­le­ben, son­dern auch ihr Leben wei­ter­hin aktiv gestal­ten zu kön­nen. Diesen Gedanken will sie jedem mit auf den Weg geben, der eine ähn­lich stra­pa­ziö­se Operation vor oder hin­ter sich hat: „Es lohnt sich! Nicht auf­zu­ge­ben, aktiv am Leben teil­zu­neh­men, sich auf die geän­der­ten Lebensumstände ein­zu­las­sen und ein ‚mün­di­ger’ Patient zu wer­den.”

Letherts Erfahrung soll auch ande­re Menschen wach­rüt­teln und anspor­nen, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu neh­men. „Die Reise hat mich dar­in bestä­tigt, dass
auch mit einer künst­li­chen Herzklappe ein nor­ma­les Leben mög­lich ist.“

Ihr Ehemann schrieb ein gut 500 Seiten umfas­sen­des Reisetagebuch „Jakobus reist ers­ter Klasse – Tagebuch einer Pilgerreise“ (ISBN: 9781717819451). „Ich habe das Buch um einen Abschnitt für Herzpatienten ergänzt, der Mut zum Leben machen soll,” erzählt Ute Lethert stolz. Denn es gibt so vie­le Abenteuer da drau­ßen zu bestrei­ten und so viel Schönes zu erle­ben.