Was bin ich für ein Pilgertyp?

Wenn man zum Ersten Mal mit dem Pilgern in Kontakt kommt, davon liest, oder in den großen Pilgerstädten wie Santiago de Compostela oder Rom auf einen Pilger trifft, dann wird das höchst wahrscheinlich jemand sein, der mit Rucksack und Stock unterwegs ist. Die wohl meisten Pilger nehmen Ihr Gepäck für die Pilgerreise im eigenen Rucksack mit. Viele sind mit Teleskopstöcken, Holzstäben oder Pilgerstöcken unterwegs. Auch eine Kopfbedeckung als Sonnenschutz tragen viele Pilger. Die meisten sind mit Wanderschuhen, Turnschuhen oder Sandalen unterwegs.
Wer jedoch länger unterwegs ist, dem fallen viele unterschiedliche Typen von Pilger auf. Die Pilger sind halt ein „buntes Völkchen“. Wir haben irgendwann damit begonnen einigen von Ihnen „Namen“ zu geben.
Der Langstrecken-Pilger
Die wenigen Pilger unter uns, die richtig viel freie Zeit haben. Entweder als Student, zwischen zwei Arbeitsstellen als Auszeit, als Rentner oder aber auch einige wenige, die sich im Beruf stehend einfach eine Auszeit gönnen. Sie sind meist von zu Hause aus gestartet, wo immer das auch ist und in der Regel mehrere Monate am Stück unterwegs. Alle Langstreckenpilger, die wir kennengelernt haben, waren mit eigenem Rucksack unterwegs.
Viele von Ihnen haben den Rucksack im Laufe der Zeit „verschlankt“ und nicht benötigtes aus dem Rucksack nach Hause geschickt, verschenkt oder weggeworfen. Einige von Ihnen sind mit Zelt gestartet.
Der Wochenpilger / Zeitpilger
Viele Pilger haben nur wenig Zeit. Sie pilgern eine Woche, oder auch zwei, oder sie opfern Ihren Jahresurlaub, um auf Pilgerreise zu gehen. Auch diese Gruppe der Pilger ist in der Regel mit eigenem Rucksack unterwegs. Hier gibt es viele Unterschiede: Die einen pilgern nur die letzten 100 oder 200 km, die erforderlich sind um am Ziel der Pilgerreise die Compostela zu erhalten.
Die anderen sind wie die Langstreckenpilger von zu Hause aus gestartet und opfern viele Urlaube für ihr Ziel. Sie reisen bei jeder neuen Pilgerreise zum Endpunkt der letzten Pilgerreise und starten von dort aus. Bei den ersten Reisen ist das vielleicht nicht so viel Aufwand, aber mit zunehmender Entfernung gestaltet sich die Anreise mitunter immer komplizierter. Darüber hinaus kann alleine für die An- und Rückreisen ein, nicht unerheblicher, Geldbetrag zusammen kommen.
Der Urlaubspilger
Dieser Pilgertyp hat irgendwo mal was vom Pilgern gehört und beschossen einfach mal ein paar Tage pilgern zu gehen, einfach so, in der Regel mit gebuchten Hotels als Unterkünften. Das Gepäck lässt man meist per Taxi von einer Unterkunft zur nächsten befördern und wandert selbst nur mit leichtem Tagesgepäck. Einige von Ihren übernachten auch in Pilgerherbergen. Da sie das Gepäck transportieren lassen, selbst nur leichten Fußes unterwegs sind, sind die in der Regel recht früh an der Pilgerherberge und ergattern so immer einen Platz zum Übernachten.
In den klassischen Pilgerherbergen kann man ja keine Plätze reservieren. Hier wird das Bett nach der Reihenfolge des Ankommens vergeben. Diesem Typ Pilger sind wir sehr häufig in Frankreich begegnet, aber auch in Spanien.
Der All-Inclusive-Pilger
Auch das gibt es immer mehr. Pilgern als organisierter Urlaub. All-Inklusive. Teilweise sogar mit Führer, die die Gruppe führt. Das Gepäck wird in der Regel auch hier befördert, die Unterkünfte und das Essen sind fest organisiert. Wer nicht mehr kann, oder mag, für den steht ein Abhol- oder Begleitfahrzeug zur Verfügung.
Der Speedpilger
Dieser Typ Pilger ist zwar mit eigenem Gepäck unterwegs, hat aber für nichts Zeit. Den Fotoapparat im Anschlag, werden im Vorbeigehen schnellen Schrittes Aufnahmen gemacht, teilweise ohne zu kontrollieren, ob die Aufnahme etwas geworden ist, oder was darauf zu sehen ist. Für irgendwelche Besichtigungen, Kirchenbesuche oder Unterhaltungen haben sie keine Zeit. Es muss halt schnell gehen.
Der Schönwetterpilger
Ein ganz besonderer Pilgertyp! Er pilgert nur bei schönem Wetter. Es darf nicht zu kalt oder zu warm sein und regnen darf es schon gar nicht. Mehr als 20 km sollten es auch nicht am Tag sein. Einer solchen Pilgerin aus Hamburg sind wir wirklich begegnet!
Der Koffer-Pilger
In der Regel eine Unterform der Urlaubspilger nur das diese Ihr Gepäck nicht im Rucksack von Etappenziel zu Etappenziel transportieren lassen, sondern im Koffer. Teilweise auch mit zusätzlichem Aktenkoffer oder Notebook-Tasche. Diesem Schlag Pilger sind wir in Frankreich sehr oft begegnet!
Der Privattaxi-Pilger
Dieser Pilger pilgert privat, aber mit Begleitfahrzeug. In diesem wird natürlich das schwere Gepäck befördert. Aber auch am Abend der Pilger selbst. Das Begleitfahrzeug ist in der Regel auch für die Unterkunft zuständig. Der Pilger wird abends abgeholt und zur Unterkunft gefahren. Am nächsten Morgen wieder zum Pilgerweg gebracht. Solchen Pilgern sind wir in Deutschland, Frankreich und auch Spanien begegnet. Mal saß die Frau des Pilger am Steuer, mal wurden vier Pilger von einer Fahrerin abends eingesammelt. Ein anderes Mal war Vater und Sohn unterwegs, während Mutter und Tochter Urlaub machten.
Der Sportpilger / Marathonpilger
In der Regel auch mit Begleitfahrzeug, im Falle des Marathonpilgers sogar mit ganzer Begleitmannschaft. Da der Pilgerweg zum Sportgerät „mutiert“, bleibt für irgendwelche sonstigen Erfahrungen auf dem Weg keine Zeit. Der Marathon-Pilger ist jeden Tag mindestens 42,195 km also eine Marathon-Distanz gelaufen.
Ein anderer Sport-Pilger, den wir mehrere Tage immer wieder trafen, machte nach jeder Rast zunächst einmal Dehnübungen, bevor er dann schnellen Schrittes an uns vorbei kam.
Der Pilger mit Begleittier
Hiermit meinen wir sowohl die Pilger, die mit eigenem Gepäck und Hund pilgern, als auch die Pilger, die mit Esel als Gepäcktransport, oder aber Pferd für Pilger und Gepäck unterwegs sind. Leider sind wir auf unseren Pilgerreisen solchen Pilgern nie begegnet, obwohl wir immer wieder über weite Strecken auf deren „Hinterlassenschaften“ gestoßen sind.
Es ist sicherlich eine ganz besondere Herausforderung sowohl Übernachtungsplätze hierfür zu finden, als auch sich allabendlich als müder Pilger noch um den geliebten Vierbeiner zu kümmern.
Der Pilger per Rad
Die Idee ist hier, dass man mit dem Rad einfach schneller unterwegs ist, als zu Fuß. Auch das Gepäck lässt sich so bequemer transportieren. Allerdings sind längst nicht alle Wegstrecken „radtauglich“. Oft werden zwangsweise mit dem Rad ganz andere Routen gewählt, die an schönen Punkten erst gar nicht vorbei kommen. Wir finden, dass man zu Fuß viel mehr von Land und Leuten erlebt.
Der Pilger auf Brautschau
Das haben wir lange Zeit für ein Märchen gehalten. Bis wir in Spanien der ersten jungen Dame begegnet sind, die den Pilgerweg und vor allen Dingen die Abende definitiv zur Suche von heiratswilligen Opfern genutzt hat.
Der „Prahl“-pilger
Diesem Pilgertypus wird jeder Pilger begegnen, der länger unterwegs ist. Mal ist ein Pilger mit angeblich über 120 kg Lebendgewicht gestartet und hat auf der Pilgerreise mindestens 40 kg abgenommen. Mal ist ein Pilger weit über 70 km an einem Tag zu Fuß gepilgert, natürlich mit eigenem schweren Rucksack.
Oder mal sind zwei Damen angeblich seit mehreren Wochen unterwegs, die dann Abends allen Ernstes die Bedienung fragen, wo sie eigentlich hier genau wären. Diese Damen kämen dann quasi eher durch Zufall in Compostela an?
Der Moped-Womo-Pilger
Eine besondere Begegnung mit einem belgischen Pilger-Pärchen. Die beiden pilgerten zu Fuß mit Moped und Wohnmobil. Wie das gehen soll? Na ganz einfach: Mit dem Wohnmobil fahren sie vor bis zum Tagesziel, dann mit dem Moped retour bis zum Ziel der letzten Tagesetappe. Von dort aus pilgern sie wieder zu Ihrem Wohnmobil und holen damit abends wieder das Moped ab. Und das jeden Tag, aber nur bei schönem Wetter, schlechtes Wetter sitzen sie aus.
Der Partypilger
Auch dieser Pilgertyp ist etwas Besonderes. In Spanien sind wir mehrfach jungen Pilgerinnen begegnet, die nach eigener Erzählung abends bis spät in der Nacht in/an der Unterkunft gefeiert haben. Morgends sind sie dann natürlich erst spät auf den Weg gekommen. Quasi der Weg als Partymeile? Na schönen Dank. „Normale“ Pilger brauchen den Schlaf in der Nacht …
Diese Auflistung kann sicherlich noch beliebig erweitert werden. Wir sind uns sicher, dass jeder Pilger so seine eigenen Pilgertypen kennenlernt oder kennengelernt hat. Es zeigt aber auch wie vielfältig die Pilgerwege genutzt werden. Den „Pilger“ gibt es sicherlich genau so wenig, wie „den“ Jakobsweg. Letztendlich muss jeder Pilger für sich entscheiden, was ihm wichtig ist, oder was er wie erleben will.
Es schadet jedoch sicherlich nicht, sich einmal Gedanken darüber zu machen, wie oder von wo man sich auf „seinen“ Weg machen will.