Was bin ich für ein Pilgertyp?

von | 15. Dezember 2019

Wenn man zum Ersten Mal mit dem Pilgern in Kontakt kommt, davon liest, oder in den gro­ßen Pilgerstädten wie Santiago de Compostela oder Rom auf einen Pilger trifft, dann wird das höchst wahr­schein­lich jemand sein, der mit Rucksack und Stock unter­wegs ist. Die wohl meis­ten Pilger neh­men Ihr Gepäck für die Pilgerreise im eige­nen Rucksack mit. Viele sind mit Teleskopstöcken, Holzstäben oder Pilgerstöcken unter­wegs. Auch eine Kopfbedeckung als Sonnenschutz tra­gen vie­le Pilger. Die meis­ten sind mit Wanderschuhen, Turnschuhen oder Sandalen unter­wegs. 

Wer jedoch län­ger unter­wegs ist, dem fal­len vie­le unter­schied­li­che Typen von Pilger auf. Die Pilger sind halt ein „bun­tes Völkchen“. Wir haben irgend­wann damit begon­nen eini­gen von Ihnen „Namen“ zu geben.

Der Langstrecken-Pilger

Die weni­gen Pilger unter uns, die rich­tig viel freie Zeit haben. Entweder als Student, zwi­schen zwei Arbeitsstellen als Auszeit, als Rentner oder aber auch eini­ge weni­ge, die sich im Beruf ste­hend ein­fach eine Auszeit gön­nen. Sie sind meist von zu Hause aus gestar­tet, wo immer das auch ist und in der Regel meh­re­re Monate am Stück unter­wegs. Alle Langstreckenpilger, die wir ken­nen­ge­lernt haben, waren mit eige­nem Rucksack unterwegs. 

Viele von Ihnen haben den Rucksack im Laufe der Zeit „ver­schlankt“ und nicht benö­tig­tes aus dem Rucksack nach Hause geschickt, ver­schenkt oder weg­ge­wor­fen. Einige von Ihnen sind mit Zelt gestar­tet.
 

Der Wochenpilger / Zeitpilger

Viele Pilger haben nur wenig Zeit. Sie pil­gern eine Woche, oder auch zwei, oder sie opfern Ihren Jahresurlaub, um auf Pilgerreise zu gehen. Auch die­se Gruppe der Pilger ist in der Regel mit eige­nem Rucksack unter­wegs. Hier gibt es vie­le Unterschiede: Die einen pil­gern nur die letz­ten 100 oder 200 km, die erfor­der­lich sind um am Ziel der Pilgerreise die Compostela zu erhalten. 

Die ande­ren sind wie die Langstreckenpilger von zu Hause aus gestar­tet und opfern vie­le Urlaube für ihr Ziel. Sie rei­sen bei jeder neu­en Pilgerreise zum Endpunkt der letz­ten Pilgerreise und star­ten von dort aus. Bei den ers­ten Reisen ist das viel­leicht nicht so viel Aufwand, aber mit zuneh­men­der Entfernung gestal­tet sich die Anreise mit­un­ter immer kom­pli­zier­ter. Darüber hin­aus kann allei­ne für die An- und Rückreisen ein, nicht uner­heb­li­cher, Geldbetrag zusam­men kom­men.
 

Der Urlaubspilger

Dieser Pilgertyp hat irgend­wo mal was vom Pilgern gehört und beschos­sen ein­fach mal ein paar Tage pil­gern zu gehen, ein­fach so, in der Regel mit gebuch­ten Hotels als Unterkünften. Das Gepäck lässt man meist per Taxi von einer Unterkunft zur nächs­ten beför­dern und wan­dert selbst nur mit leich­tem Tagesgepäck. Einige von Ihren über­nach­ten auch in Pilgerherbergen. Da sie das Gepäck trans­por­tie­ren las­sen, selbst nur leich­ten Fußes unter­wegs sind, sind die in der Regel recht früh an der Pilgerherberge und ergat­tern so immer einen Platz zum Übernachten. 

In den klas­si­schen Pilgerherbergen kann man ja kei­ne Plätze reser­vie­ren. Hier wird das Bett nach der Reihenfolge des Ankommens ver­ge­ben. Diesem Typ Pilger sind wir sehr häu­fig in Frankreich begeg­net, aber auch in Spanien.
 

Der All-Inclusive-Pilger

Auch das gibt es immer mehr. Pilgern als orga­ni­sier­ter Urlaub. All-Inklusive. Teilweise sogar mit Führer, die die Gruppe führt. Das Gepäck wird in der Regel auch hier beför­dert, die Unterkünfte und das Essen sind fest orga­ni­siert. Wer nicht mehr kann, oder mag, für den steht ein Abhol- oder Begleitfahrzeug zur Verfügung.
 

Der Speedpilger

Dieser Typ Pilger ist zwar mit eige­nem Gepäck unter­wegs, hat aber für nichts Zeit. Den Fotoapparat im Anschlag, wer­den im Vorbeigehen schnel­len Schrittes Aufnahmen gemacht, teil­wei­se ohne zu kon­trol­lie­ren, ob die Aufnahme etwas gewor­den ist, oder was dar­auf zu sehen ist. Für irgend­wel­che Besichtigungen, Kirchenbesuche oder Unterhaltungen haben sie kei­ne Zeit. Es muss halt schnell gehen.
 

Der Schönwetterpilger

Ein ganz beson­de­rer Pilgertyp! Er pil­gert nur bei schö­nem Wetter. Es darf nicht zu kalt oder zu warm sein und reg­nen darf es schon gar nicht. Mehr als 20 km soll­ten es auch nicht am Tag sein. Einer sol­chen Pilgerin aus Hamburg sind wir wirk­lich begegnet!

 

Der Koffer-Pilger

In der Regel eine Unterform der Urlaubspilger nur das die­se Ihr Gepäck nicht im Rucksack von Etappenziel zu Etappenziel trans­por­tie­ren las­sen, son­dern im Koffer. Teilweise auch mit zusätz­li­chem Aktenkoffer oder Notebook-Tasche. Diesem Schlag Pilger sind wir in Frankreich sehr oft begeg­net!
 

Der Privattaxi-Pilger

Dieser Pilger pil­gert pri­vat, aber mit Begleitfahrzeug. In die­sem wird natür­lich das schwe­re Gepäck beför­dert. Aber auch am Abend der Pilger selbst. Das Begleitfahrzeug ist in der Regel auch für die Unterkunft zustän­dig. Der Pilger wird abends abge­holt und zur Unterkunft gefah­ren. Am nächs­ten Morgen wie­der zum Pilgerweg gebracht. Solchen Pilgern sind wir in Deutschland, Frankreich und auch Spanien begeg­net. Mal saß die Frau des Pilger am Steuer, mal wur­den vier Pilger von einer Fahrerin abends ein­ge­sam­melt. Ein ande­res Mal war Vater und Sohn unter­wegs, wäh­rend Mutter und Tochter Urlaub mach­ten.
 

Der Sportpilger / Marathonpilger

In der Regel auch mit Begleitfahrzeug, im Falle des Marathonpilgers sogar mit gan­zer Begleitmannschaft. Da der Pilgerweg zum Sportgerät „mutiert“, bleibt für irgend­wel­che sons­ti­gen Erfahrungen auf dem Weg kei­ne Zeit. Der Marathon-Pilger ist jeden Tag min­des­tens 42,195 km also eine Marathon-Distanz gelaufen. 

Ein ande­rer Sport-Pilger, den wir meh­re­re Tage immer wie­der tra­fen, mach­te nach jeder Rast zunächst ein­mal Dehnübungen, bevor er dann schnel­len Schrittes an uns vor­bei kam.
 

Der Pilger mit Begleittier

Hiermit mei­nen wir sowohl die Pilger, die mit eige­nem Gepäck und Hund pil­gern, als auch die Pilger, die mit Esel als Gepäcktransport, oder aber Pferd für Pilger und Gepäck unter­wegs sind. Leider sind wir auf unse­ren Pilgerreisen sol­chen Pilgern nie begeg­net, obwohl wir immer wie­der über wei­te Strecken auf deren „Hinterlassenschaften“ gesto­ßen sind. 

Es ist sicher­lich eine ganz beson­de­re Herausforderung sowohl Übernachtungsplätze hier­für zu fin­den, als auch sich all­abend­lich als müder Pilger noch um den gelieb­ten Vierbeiner zu küm­mern.
 

Der Pilger per Rad

Die Idee ist hier, dass man mit dem Rad ein­fach schnel­ler unter­wegs ist, als zu Fuß. Auch das Gepäck lässt sich so beque­mer trans­por­tie­ren. Allerdings sind längst nicht alle Wegstrecken „rad­taug­lich“. Oft wer­den zwangs­wei­se mit dem Rad ganz ande­re Routen gewählt, die an schö­nen Punkten erst gar nicht vor­bei kom­men. Wir fin­den, dass man zu Fuß viel mehr von Land und Leuten erlebt.
 

Der Pilger auf Brautschau

Das haben wir lan­ge Zeit für ein Märchen gehal­ten. Bis wir in Spanien der ers­ten jun­gen Dame begeg­net sind, die den Pilgerweg und vor allen Dingen die Abende defi­ni­tiv zur Suche von hei­rats­wil­li­gen Opfern genutzt hat.

 

Der „Prahl“-pilger

Diesem Pilgertypus wird jeder Pilger begeg­nen, der län­ger unter­wegs ist. Mal ist ein Pilger mit angeb­lich über 120 kg Lebendgewicht gestar­tet und hat auf der Pilgerreise min­des­tens 40 kg abge­nom­men. Mal ist ein Pilger weit über 70 km an einem Tag zu Fuß gepil­gert, natür­lich mit eige­nem schwe­ren Rucksack. 

Oder mal sind zwei Damen angeb­lich seit meh­re­ren Wochen unter­wegs, die dann Abends allen Ernstes die Bedienung fra­gen, wo sie eigent­lich hier genau wären. Diese Damen kämen dann qua­si eher durch Zufall in Compostela an?

 

Der Moped-Womo-Pilger

Eine beson­de­re Begegnung mit einem bel­gi­schen Pilger-Pärchen. Die bei­den pil­ger­ten zu Fuß mit Moped und Wohnmobil. Wie das gehen soll? Na ganz ein­fach: Mit dem Wohnmobil fah­ren sie vor bis zum Tagesziel, dann mit dem Moped retour bis zum Ziel der letz­ten Tagesetappe. Von dort aus pil­gern sie wie­der zu Ihrem Wohnmobil und holen damit abends wie­der das Moped ab. Und das jeden Tag, aber nur bei schö­nem Wetter, schlech­tes Wetter sit­zen sie aus.

 

Der Partypilger

Auch die­ser Pilgertyp ist etwas Besonderes. In Spanien sind wir mehr­fach jun­gen Pilgerinnen begeg­net, die nach eige­ner Erzählung abends bis spät in der Nacht in/an der Unterkunft gefei­ert haben. Morgends sind sie dann natür­lich erst spät auf den Weg gekom­men. Quasi der Weg als Partymeile? Na schö­nen Dank. „Normale“ Pilger brau­chen den Schlaf in der Nacht …

Diese Auflistung kann sicher­lich noch belie­big erwei­tert wer­den. Wir sind uns sicher, dass jeder Pilger so sei­ne eige­nen Pilgertypen ken­nen­lernt oder ken­nen­ge­lernt hat. Es zeigt aber auch wie viel­fäl­tig die Pilgerwege genutzt wer­den. Den „Pilger“ gibt es sicher­lich genau so wenig, wie „den“ Jakobsweg. Letztendlich muss jeder Pilger für sich ent­schei­den, was ihm wich­tig ist, oder was er wie erle­ben will.  

Es scha­det jedoch sicher­lich nicht, sich ein­mal Gedanken dar­über zu machen, wie oder von wo man sich auf „sei­nen“ Weg machen will.