Are you happy, or are you sad, to arrive Santiago de Compostela?“

von | 29. Juli 2020

Bist du froh, oder bist du trau­rig, Santiago de Compostela zu errei­chen?

Als wir am 127. Tag unse­rer Pilgerreise von einem älte­ren eng­li­schen Hospitalero (einem ehren­amt­li­chen Mitarbeiter der eng­li­schen Pilgerherberge bei Miraz) über­holt wur­den, stell­te er uns (Ute und mir) genau die­se Frage!

Ich konn­te die­se Frage schon damals nicht beant­wor­ten. Sie hat mich damals, wie heu­te beschäf­tigt. Als wird dann am 131. Tag am 14. August 2017 Santiago de Compostela erreich­ten, fand ich immer noch kei­ne Antwort dar­auf.

Natürlich waren wir glück­lich, nach rund 2.860 km Gesamtstrecke von Köln aus, unser Ziel erreicht zu haben. Aber wir waren zugleich auch irgend­wie trau­rig dar­über, dass nun alles vor­bei sein soll­te. Wir ver­brach­ten noch eini­ge Tage in Santiago de Compostela, bevor wir unse­re Heimreise antra­ten.

Man sagt: „Ein jeder fin­det bei der Ankunft ‚sein‘ Santiago de Compostela“ vor und ich glau­be, dass dem wirk­lich so ist!

Wenn man sich mit Pilgern unter­hält, erhält man zu die­sem Thema vie­le ver­schie­de­ne Antworten. Manche Pilger sind vom Gefühl über­wäl­tigt, das Ziel erreicht zu haben, ande­re emp­fin­den hier­bei nichts oder nicht viel. Manche Pilger neh­men Santiago de Compostela „in sich auf“, samt den Gassen, den Menschen, den Kirchen und der Kathedrale.

Oft wer­den wir gefragt, ob wir uns durch die Pilgerreisen total ver­än­dert haben. Ich sage dann immer ger­ne: „Nun, ich bin sicher­lich nicht durch mei­ne Pilgerreise nach Santiago de Compostela zum „Super-Christen“ gewor­den, aber ver­än­dert hat mich der Weg auf jeden Fall. Viele mei­ner Einstellungen haben sich geän­dert, mein Glaube und mei­ne Einstellung hier­zu haben sich geän­dert.“

Ich glau­be aber auch, dass es hier­auf ein­fach kei­ne Pauschalantwort gibt. Trotzdem bin ich der fes­ten Überzeugung, dass der Weg jeden ändert, der sich über einen län­ge­ren Zeitraum auf Pilgerreise begibt. Vielleicht liegt es auch dar­an, dass man auf dem Weg viel Zeit bekommt, im wahrs­ten Sinne des Wortes „über Gott und die Welt“ nach­zu­den­ken. Manche Pilger kom­men sogar genau hier­mit nicht zurecht!

Sicher, wenn man vie­le Stunden am Tag pil­gert oder wan­dert und das durch teils sehr ein­sa­me Gegenden, oder Gegenden ohne viel Abwechslung, dann bekommt man genug Zeit zum Nachdenken. Zuerst denkt man über den Tag nach, danach über zurück­lie­gen­des oder lie­gen geblie­be­nes. Dann kom­men irgend­wann die Gedanken, die man schon lan­ge glaub­te „ad acta“ gelegt zu haben. Und dann? Dann kommt even­tu­ell irgend­wann der Zeitpunkt, an dem man schein­bar nichts mehr zum Denken hat. Genau hier­mit haben schein­bar vie­le Pilger zu kämp­fen, wie ich aus vie­len Gesprächen mit ande­ren Pilgern weiß.

Vielleicht, lie­ber Leser haben sie sich die Frage ja auch schon ein­mal gestellt, oder wer­den sie sich stel­len, wenn Sie Santiago de Compostela errei­chen: „Are you hap­py, or are you sad, to arri­ve Santiago de Compostela?“

Buen Camino!

Bildnachweis:
C. by W.Lethtert: Kathedrale von Santiago de Compostela am Abend des 14.08.2017